Samstag, 11. März 2017

Noch immer und immer wieder: Für den Feminismus.

Seine Präsidentschaft ist gerade mal vier Tage alt, als Donald Trump umgeben von seinem Vizepräsidenten und sechs Beratern die Global Gag Rule gestrichen hat. In einem präsidialen Dekret strich er staatliche Zuschüsse für diejenigen Organisationen, die im Ausland Abtreibungen anbieten: Sieben feixende Männer stehen um seinen Schreibtisch, während er die Finanzierung und Unterstützung bei Abtreibungen und Beratung für Frauen kippt. Der Akt des Streichens und Wiedereinführens der Global Gag Rule per Präsidialdekret ist nahezu traditioneller Bestandteil des Wechsels von demokratischem zu republikanischem Amtsinhaber und damit zwar selbstverständlich zu skandalisieren, aber nicht sonderlich überraschend. Dennoch macht es vor allem eines sichtbar: Das Leben von Millionen Frauen liegt in den Händen der Prekarität, ihre Absicherung und ihre Würde scheinen verhandelbar. Sie sind schlichtweg ausgeliefert.  

Das Patriarchat hat sich gewandelt – natürlich hat es das, die Verpflechtungen mit dem Kapitalismus und seinen Verwertungslogiken liegen auf der Hand. Durch die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft tritt das Patriarchat weniger brachial auf, jedoch sind seine Existenz und die Auswirkungen misogyner und ignoranter Politiken stetig und zeichnen sich vor allem durch die prekären Lebensrealitäten vieler Frauen und LGBTI* aus. Die Einbeziehung feministischer Analysen ist unumgänglich – und das immer und immer wieder betonen zu müssen ermüdend. Feminismus ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit und das Erwirken emanzipatorischer Veränderung ohne Feminismus als wichtiges Analysemoment eine Unmöglichkeit. Die Situation von Frauen ist eben kein Kollateralschaden, sondern sie gibt Auskunft über die Verfasstheit einer Gesellschaft.  
Nichts hat mich in meiner frühen Politisierung so sehr geprägt wie der Moment, in dem ich – endlich! – gelernt habe, dass das, was mir passiert, was in dieser Gesellschaft stets reproduziert wird, Namen und Bezeichnungen hat. Kaum eine andere Forderung hat sich stetig so unvollendet angefühlt, kein Mantra war ermüdender und trotzdem so essentiell für mein Sein und mein Denken und hat sich so sehr durch jede Auseinandersetzung und jedes Auseinandersetzen gezogen wie die feministische Grundüberzeugung, die sowohl Grundlage jeder Gesellschaftsanalyse und –kritik sein muss, als auch den hier verschriftlichten Überlegungen zugrunde liegt.  
Doch gerade in Anbetracht der Notwendigkeit der Artikulation feministischer Interessen – und damit meine ich bewusst „feministische Interessen“ und nicht „Interessen von Feminist*innen“ – ist es umso unabdingbarer, Partei für einen Feminismus zu ergreifen, der es wert ist und der überhaupt die theoretischen Fundamente zu radikaler Kritik in sich trägt: Einer Kritik der Verhältnisse und jedweder patriarchaler Unterdrückung – eben einer Kritik, die Feminismus ausmacht. Dass den derzeitigen Entwicklungen feministischer Theorie, die selten mehr als die Postmoderne als eigenen Maßstab kennen und jede abweichende Meinung mit einer Selbstverständlichkeit wegdekonstruieren, kein Moment der Kritik mehr innewohnt, sei zum Anlass genommen, über einen Feminismus nachzudenken und zu schreiben, der es wert ist, gerade weil er Kritik annimmt und zur Selbstkritik auffordert. Damit meine ich niemals, die persönliche Erfahrung auszuklammern und als irrelevant wegzuschieben. Aber sie ist nur ein Teil dessen, was gesellschaftliche Realität ist: Sie zu erzählen kann ein radikaler Akt sein, aber sie kann nicht ohne Analyse stehen bleiben, wenn es darum geht, feministische Gesellschaftskritik äußern zu wollen.  
Zugleich ist dieser Text ein Versuch, das letzte Jahr zumindest bruchstückartig Revue passieren zu lassen, die Geschehnisse seit dem Barcamp Frauen 2016 und alledem, was damit einherging, zu reflektieren und Überlegungen niederzuschreiben.  
Vor genau einem Jahr kündigte ich lediglich an, bei dem Barcamp Frauen, das seit einigen Jahren in Berlin stattfindet und dort ein Forum für die barrierearme Diskussion feministischer Themen bietet, über Antisemitismus unter Feminist*innen zu sprechen und mich dabei – unter anderem – auf feministische „Ikonen“ wie Laurie Penny und Angela Davis zu beziehen. Und trotzdem war dieser klägliche Zweizeiler meiner Vorankündigung Auslöser für eine Debatte, die nicht wie andere Auseinandersetzungen nach wenigen Tagen abebbte, sondern sich vielmehr wie der Beginn eines erbitterten Kampfes um jeden Zentimeter Raum anfühlte. Mittlerweile weiß ich, dass es nur Symptom dessen war, was schwelte und die Gräben auch immer noch weiter aufreißen lässt. Denn das, was sich aktuell zeigt, ist nicht der Feminismus, der tatsächlich das gute Leben für alle fordert, es ist vielmehr eine Ausgeburt des postmodernen Ungewissen, das Gesellschaftsanalyse durch reine Subjektivität zu ersetzen versucht. Marco Ebert (einer der Autoren in "Beissreflexe") formulierte es letztens in einem Vortrag „Kritik an der Kritik: Kulturelle Aneignung“ als Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten, zwischen der Wahrheit und Wahrheiten. Die Subjektivität, die sich momentan rasend unter queerfeministischen Akteur*innen ausbreitet, schafft höchstens Geschichten, erzählt aber nicht die tatsächliche Geschichte von Herrschaft. Sie kann Wahrheiten schaffen, nähert sich damit aber höchstens der Wahrheit an, die durch Herrschaftsverhältnisse geschaffen ist.  
Die Aktualität des Ganzen bietet täglich neue Beispiele. Feministische Allianzen formieren sich unter dem qua Theorie undefinierten Begriff „queer“ und unterstellen sich euphorisch den patriarchalen Gepflogenheiten des politischen Islam, nehmen Verschleierung als Symbol der Emanzipation auf sich und verlassen begeistert jeden politischen Weg radikaler Forderungen, sondern begeben sich stattdessen in die vagen Gefilde gefühlter Wahrheiten, in denen nicht mehr zählt, was formuliert wird, sondern nur noch, wer etwas formuliert. Und selbst das hat der postmoderne Feminismus spätestens an dem Punkt, an dem Schwarze Aktivist*innen mit anderer Meinung als Token bezeichnet wurden, hinter sich gelassen. Stattdessen biegt er sich alles so zurecht, bis ihre Wahrheitsfindung nur noch dem eigenen autoritären Charakter unterworfen ist. Neuester Höhepunkt war nicht zuletzt die Bezeichnung des Frauen*kampftages als „Fotzenfest“ und die Beschwerde darüber, dass zu viele Vulven abgebildet gewesen seien. Dass es dabei nicht bleiben dürfte, liegt auf der Hand.  
Mit diesem Sammelbegriff „queer“, unter dem alle qua Selbstdefinition willkommen seien, im Rücken bilden sich seit einigen Jahren Allianzen, deren einziger Grundkonsens lediglich (Queer-)Feminismus ist und dessen einziges Anliegen es ist, mehr Sichtbarkeit und Reichweite für die Anliegen der Partizipierenden zu erlangen. Es ist ein Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis zu beobachten, das eine Kritik sowohl der queerfeministischen Theorie-„Ikonen“ als auch des Aktivismus, der mit einem Gestus der moralischen Erhabenheit daherkommt, notwendig macht. Zwar finden sich im Queertheoretischen bereits Ansätze, vor allem von Butler und Puar formuliert, die die Kämpfe entrechteter Minoritäten untrennbar verknüpft sehen, doch glaube ich nicht, dass Schilder mit der Aufschrift „Free birth control and Palestine“ tatsächlich aus einem Wissen um Theorie resultieren.  
Der Definition dessen folgend, was queer nun also umfassen soll, partizipieren nicht nur die, die betroffen sind, sondern auch diejenigen, die sich betroffen fühlen. Generell ist zu sagen, dass eine Politik, die auf Betroffenheiten und der subjektiven Erzählung basieren, zumeist ihre analytische Schlagkraft verliert, wird ihr doch eine klare Priorisierung dessen zuteil, wer etwas sagt, und nicht der Frage, was gesagt wird. Und unter jener Maxime wurde als Reaktion auf meine vorgetragenen Gedanken beim Barcamp vergangenen Jahres in erster Linie kritisiert, dass eine weiße cis-Frau referierte, die dafür nicht qualifiziert sei, anstatt hauptsächlich zu diskutieren, was Inhalt meines Vortrags war – das passiert zwar auch und soll hier auch Erwähnung finden, war jedoch nicht der primäre Umgang mit meiner Kritik. Höhepunkt war das inständige Drängen auf die Offenlegung ob meiner Religionszugehörigkeit, als sei nur eine Jüdin dazu befugt, eine Kritik des Antisemitismus zu formulieren oder eine nach eigener Bezeichnung „Halbjüdin“ (Laurie Penny) zu kritisieren.Veranstaltungen werden unter der vorgehaltenen Maxime gestört, man wolle diskutieren, während jedoch jegliche Diskussion verhindert wird, indem Sprechverbote auferlegt und Sprecher*innen mit anderer Meinung aufgrund ihnen zugedichteter Eigenschaften („hetero“, „männlich“, „weiß“) denunziert werden, als sei es gängige Praxis emanzipatorischer Politik, jeder Äußerung die eigene Identität und ihre Charakteristika voranzustellen und als sei es legitimes Vorgehen, Outings zu erzeugen und zu erzwingen und als sei das Sprechen über wissenschaftliche Erkenntnis an sich das Problem und nicht die Tatsache, dass Ungleichwertigkeitsideologien aktuell so virulent sind.  
Das Interesse an Vorträgen, das sich in den darauffolgenden Monaten zeigte, mich an 30 Orte brachte und welches in verschiedenen Publikationen mündete, zeigte mir vor allem, dass die Kritik relevant war. Sie wurde unterschiedlich aufgefasst, teils dennoch immer wieder hinter meine Sprecherinnenposition zurückgedrängt, aber: Sie stieß auf Interesse, auf offene Ohren, auf neue Gedanken, Widersprüche und die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Schnell wurde sichtbar, dass die Probleme tiefer liegen und Antisemitismus ein elementares, aber bei Weitem nicht das einzige ist. Nahezu schon unfähig, mit Kritik umzugehen, zeigten sich enorme Abwehrmechanismen in der Auseinandersetzung. Als Flora Eder aus Wien und ich bei der Veranstaltung „Zwischen den Stühlen. Gegen Antisemitismus und für Feminismus: Zu einem schwierigen Verhältnis in Theorie und Szene-Praxis.“ auftraten und uns zu Antisemitismus unter Feminist*innen und der Ablehnung von Feminismus in Teilen der israelsolidarischen bzw. antideutschen Szene äußerten, stand in der anschließenden Diskussion einzig und allein im Raum, ob wir feministisch genug seien, um über Feminismus zu sprechen.   
Der Titel der Veranstaltung beschreibt eigentlich sehr zutreffend, wo ich mich befinde: Zwischen den Stühlen. Mit vielen Entwicklungen des Feminismus der Gegenwart nicht einverstanden, in den Theoriegebäuden der Ideologiekritik und der materialistischen Kritik der Zustände mehr und mehr zuhause, aber dennoch an anderen Punkten ganz und gar nicht einverstanden mit dem oft vorherrschenden Habitus in der israelsolidarischen Szene (dazu sei an dieser Stelle vor allem Floras Anteil an unserem Vortrag empfohlen, hier nachzuhören). Es ist ein ständiger Kampf an allen Fronten, der mich regelmäßig an die Grenzen meiner Kräfte bringt. Es hilft zu wissen, dass ich nicht alleine bin – und auch das ist eine Erkenntnis des letzten Jahres. Es ist zermürbend, jeder Äußerung voranzustellen, dass die geäußerte Kritik von innen kommt, aus jahrelangen feministischen Kämpfen resultiert und nicht von außen aufgedrängt wird, sondern vielmehr einen Prozess anstoßen und begleiten soll, der schon an der Hürde scheitert, den Sinn von Kritik zu begreifen.  

Es bleibt nur zu hoffen, dass die gesellschaftliche und vor allem die unter den Prämissen des Feminismus agitierende Linke es schafft, sich auf den wesentlichen Kern ihrer Politik zu besinnen: Auf eine Gesellschaftskritik, die den Fall des Patriarchats anstrebt, die in Solidarität mit allen Frauen und LGBTI* steht, die Widersprüche aushalten kann, die gegen ihre Unterdrückung kämpfen, die diese skandalisiert und die das gute Leben für alle zum Ziel hat.  

Freitag, 18. März 2016

Fight feel-good feminism

This blogpost is the translation of my earlier published article about anti-Semitism in feminist groups.

Over the past years, alliances between various individuals and groups inside the feminist movement(s), more often than not accompanied by a hashtag on social media, have become an important political measure. People from different currents inside the movement, often representing wildly differing positions on all but the specific issue at hand, unite. This unity helps to bring the specific issues into the mainstream debate. A good example of this is the #Aufschrei-campaign in 2013. A similar reaction was shown by many in the aftermath of the attacks in Cologne on New Year's Eve this year. Something had happened, so a united reaction was necessary. The campaign denounced both sexist violence AND racism in the wake of the attacks to counterpoint the racist narratives of the German mob both on- and offline. As commendable as this enterprise is, one should take a closer look at the signatures under the founding document. Among the first to sign were feminists who routinely equate zionism with racism and support the BDS ("boycott, divestment, sanctions") movement. This begs the question whether noone noticed this beforehand. Or did not want to notice. Or maybe even knew and did not think of as a problem.
 Similar feelings and questions arise in connection with the marches on international women's day.  "Free Palestine" could be heard alongside feminist chants and slogans. The organising group of the Berlin march meekly put out a statement that national flags were not allowed, but chose to ignore the subject apart from that. After all, the goal was a broad alliance, united for feminism. The fact that parts of their cuddly, broad alliance would go on yelling "warmonger Israel" the very next day was of no concern to the organisers, they had after all had their big demonstration. It is a fairly safe bet that no awareness of this problem exists, since 2016 was by far no the first time this issue was brought forth.
How much does one have to put up with, how much political diversity has to be tolerated for a broad alliance? And why is it always the debate about anti-semitism that is ignored and declared to be unimportant? At most, there will be a ban on national flags. And since it supposedly is always only about Israel and never anti-Semitism, there is no need to distance yourself from people abusing a feminist demonstration with their anti-Israel slogans, the big unified demonstration can commence. Everything is hunky-dory, thanks for asking.

       We need to talk.


This issue of alliances and of how far we have to go to in order to have an alliance, is what prompted me to offer a session on antisemitism and feminism at the 2016 Barcamp Frauen. Barcamp Frauen is held annually in berlin, providing an opportunity to discuss feminist issues in a variety of different sessions. Participants are encouraged to hold their own sessions. So far, it has been a great opportunity for good discussions.
My session was announced publicly on the Barcamp facebook-page. The announcement consisted solely of a short overview of the topics I wanted to talk about and a short note on Laurie Penny and Angela Davis. Both are prime examples of combining feminist and pro-Palestinian activism. This note never called either of the two an antisemite, even though Laurie Penny's support of the BDS movement or her tasteless jokes about skinned bankers provide a telling insight into her mind.
In 2013, I shared a stage with Laurie Penny. We, alongside Indian women's rights activist Urvashi Butalia, had been invited by the Friedrich-Ebert-Stiftung on the occasion of international women's day. One of the memories I have got from that occasion is particularly vivid: am man in the auditorium took the mic and started to insult us. He let his misogyny run free and refused to stop and surrender the mic. It was a very unifying experience; we three together against this masculinist. Together on the same side, united by feminism, against the rest of the world.
However, this cuddly all-together-now-feminism came to an end on the eve of the Barcamp. For once she was the subject of criticism and not the icon to be revered. After her German publisher told her about my session. On twitter, in front of her 130,000 followers, Laurie Penny demanded an explanation, why I had "called her an anti-semite" (Which I had not done).
The absurd irony of this situation is somewhat hard to grasp: a feminist activist, who through her own experience  should know how uncontrollable a medium Twitter is, throws another feminist (with way fewer followers) to the wolves. She, who in all probability has had to endure more than one shitstorm. She, who knows all too well what online harassment means. But feminism is easily sidelined. After all, she has to defend her hatred of Israel. At no point during this did she express any interest in a debate. If she had been interested in the point I had made, or in my reasoning behind it, she could have written my a message. Instead, she trusts that  the discussion will blow over and baskes in the admiration of her followers, whom she told I had compared her to Hitler (which, once again, I never did). All so she does not have to question her worldview.
To put it bluntly: Laurie Penny did not act out of stupidity. Nor because it was an easy way out and not because she might not have been aware of the consequences (which she was). She did it because she refuses to face criticism. To further proof herself against criticism, she even claimed to be incapable of being anti-Semitic, simply by being Jewish.

If the cap fits


Of course the shitstorm continued unabated. She as an activist probably has learned about this dynamic herself in the past. After all, she is going to make several appearances in Germany over the next weeks, talking about online harassment. So, did she back-pedal in any way? No. Instead, she felt it necessary to write an open letter to the evil, Zionist German left. The contents of the long diatribe can be summarised as follows:

She, a british Jew, has been unjustly attacked by a German, called an anti-Semite and compared to Hitler. Only because she supports the people in Gaza (which she called an "open prison"). The whole debate would have nothing to do with Jews. Only the young Germans, laden with their country's history, would interprete it like that. She then went one further and claimed that especially she, a descendant of persecuted Jews, was obliged to support the Palestinian cause.
Also, BDS as a movement might draw a couple of anti-Semites here and there, using it to further their own gains. But not her! She is only in it because of her love of the Palestinian people.
Of course, no mention was made of the Hamas and their ilk. There was probably no room for that in her pamphlet. It would have meant casting a realistic look at the situation of Palestinians.

In her idea of Judaism, being Jewish and German seem to be mutually exclusive, otherwise she would not have used this dichotomy. Apparently, her being Jewish makes her words on that matter less problematic. Seemingly, she cannot ever be an anti-Semite. This is a prime example of a common enough modern anti-Semitic narrative.

Antifascist Antizionists


There is no need for Laurie Penny, who boasts on twitter of her support for a boycott, makes terrible jokes about skinning bankers or goes on about an "open prison" in Gaza, to illustrate the problem at hand. The connection between feminism and antisemitism is neither new nor surprising. Just look at history: especially in feminist theology, Judaism was often identified as the epitome of patriarchy. So criticising Judaism was in truth just criticising patriarchy. Feminists claimed Jewish and socialist women persecuted by the Nazis as their own. There was no self-examination, no critique of one's own antisemitism. Nor the tendencies in feminist groups. The old traditions were passed on. People took up the label antifascist. The enemy was no longer called "the Jew" or "Judaism”, but capitalism and imperialism. Israel became the new old scapegoat and suddenly, those new antifascist antizionist held their peace rallies in front Jewish facilities.
Today we see this activist, who calls herself anti-capitalist. Someone, who wants to make class struggle trendy again. Who thinks she is the voice of the poor and oppressed, wanting to unite all the oppressed of the world. She, oppressed by the patriarchy, wants to join forces with all other oppressed, especially, if they are suffering under the yoke of imperialist Zionism.
Even at my session at the Barcamp, the Penny-fangirls and others could not help themselves and explained in their great human rights rethoric, why their criticism of Israel is OK. They - once again - went as far as to say that the Shoa was making their criticism even more legitimate. It was almost entertaining how they used every classic form of derailment. As if attacking me personally or nitpicking small details from my talk would validate their position. The terrible thing was that it worked. The debate degenerated into discussions about individuals, or on why I was a bad speaker or why Penny cannot be an anti-Semite (after all, she is Jewish). Antisemitism as a phenomenon is no longer the issue. Not anti-Semitism as a system that has worked its way into feminist ideologies. Through Twitter and offline via her publisher, Penny tried to force me to talk about my background. To demand of someone to explain their own identity is an absolute no-go in any other debate about identities. If someone would talk about LGBT issues, noone would try to force an explanation about their gender identity out of them. As soon as we are talking about Israel, though, all these ideals are gone. Everyone stares at her_him, who has uttered that terrible a-word. Once the soft ground of cuddly feel-good feminism is left behind, anything goes. This debate with Laurie Penny was proof enough of that.
The moral indignation works. Just picture the armed Israeli soldier facing a Palestinian child. This imagery makes it easy to identify yourself, as a woman living under the patriarchy, with the boy with the slingshot. Suddenly, it seems to be of imminent importance to defend the low-fat version of "Kauft nicht beim Juden" as integral part of your political philosophy.

Policies versus feel-good feminism


One participant rightfully concluded: When we meet, we are not just feminists. Political socialisation is more complex than that. One is not amused if a political debate goes further than blocking sexists and yelling together at masculinists. The indignation is massive. After all, one makes sure to always denounce antisemitism. Look, it was even written down on the leaflet for the demonstration! The lives of the oppressed Palestinians surely are of paramount importance to Laurie Penny and all the other champions of legitimate Israel criticism. So, the next time they come across some misplaced yells of "free Gaza!" at a march on women's day, they will surely answer with a heartfelt "from Hamas!", right?
Or write an open letter, entertain 130,000 followers on twitter with false accusations and give speeches about online harassment.

Mittwoch, 16. März 2016

Schluss mit dem Kuschelfeminismus

Wenn es ein in den letzten Jahren gewachsenes Phänomen in feministischen Diskursen und Dynamiken gibt, dann ist es wohl die Bereitschaft, sich zu Kampagnen und Bündnissen, meist mit Hashtag versehen, zusammenzuschließen, um sich im Mainstream-Diskurs Gehör zu verschaffen. Das ist so mit dem #Aufschrei 2013 passiert, das gleiche Konzept verbirgt sich aber auch hinter der Reaktion auf die Vorfälle der Silvesternacht in Köln. Es passiert etwas, es bedarf einer Antwort darauf und Feministinnen schließen sich zusammen – im Fall von Köln ging es um eine ausnahmsloseAblehnung von „sexualisierter Gewalt und Rassismus“. Und so begrüßenswert es doch ist, den Diskurs nicht dem deutschen Mob, der sich wie die Aasgeier auf jeden Vorfall stürzt, zu überlassen, so stutzig sollte man doch mit Blick auf die Liste der ersten Mitzeichner*innen werden: Hier zeichnen plötzlich Feministinnen mit, die Zionismus als Rassismus bezeichnen, die BDS („boycott, divestment, sanctions“) unterstützen und man muss sich doch fragen, ob das vorher niemand gewusst hat, niemand wissen wollte oder gar niemand problematisch fand.
Ähnliche Gefühle kommen auf, wenn man in der Demonstration zum Frauenkampftag mitläuft und neben feministischen Parolen ein deutliches „Free Palestine“ hört. Nationalfahnen seien verboten, lässt das Organisationsbündnis verlauten, positionieren will man sich zu so etwas aber auch nicht. Man wolle schließlich ein breites Bündnis sein, vereint im Feminismus, an dem Tag soll man kuscheln, am nächsten Tag schreit die andere Seite dann wieder „Kriegstreiber Israel“ – aber das interessiert die Organisatorinnen wenig, es geht schließlich um die große Demonstration.
Das Problembewusstsein geht dabei wohl gegen Null, war es doch 2016 nicht zum ersten Mal eine relevante Diskussion, die das Bündnis bewegt haben sollte.

Ich frage mich doch, wie viel man aushalten muss, wie viel „Diversität“ Bündnisse vertragen und warum es dann doch immer ausgerechnet die Debatte um Antisemitismus ist, die immer wieder ausgeklammert oder als unwichtig deklariert wird. Und da es ja nur um Israel ginge und nichts mit Antisemitismus zu tun habe, reiche dann halt auch das Verbot von Nationalfahnen, um das Bündnis zusammenzuhalten und um sich nicht mit den Positionen der Frauen, die den feministischen Kampftag für ihre israelhassenden Parolen instrumentalisieren, auseinandersetzen zu müssen. Kuschelfeminismus, ahoi!


            We need to talk.


Gerade die Frage nach Bündnissen und wie viel wir in Bündnissen eigentlich ertragen müssen, brachte mich dazu, beim Barcamp Frauen am 12. März eine Session zum Thema „Antisemitismus im Feminismus“ anzubieten. Das Barcamp Frauen ist eine Veranstaltung, die jährlich in Berlin stattfindet, bei der Feminist*innen Raum gegeben wird, in verschiedenen Sessions über Feminismus zu sprechen. Alle Teilnehmenden können Sessions anbieten. Bisher immer ein Raum, an dem gute Diskussionen stattfanden.

In meiner in der Facebook-Veranstaltung des Barcamps veröffentlichten Ankündigung der Session fanden sich lediglich eine Beschreibung des geplanten Inhalts und ein Verweis auf Laurie Penny und Angela Davis, die die Kulmination aus feministischem und pro-palästinensischem Aktivismus bestens verkörpern. Eine Feststellung, dass Laurie Penny an keiner Stelle als Antisemitin bezeichnet wurde, ist bis hierhin wohl irrelevant, wenn auch abstruse Äußerungen ihrerseits über Israelboykott und absolut „witzige“ Sprüche über gehäutete Banker recht schnell zeigen, wessen Geistes Kind sie ist.

2013 saß ich anlässlich des Frauenkampftages mit Laurie Penny und der indischen Frauenrechtlerin Urvashi Butalia auf einem Podium der Friedrich-Ebert-Stiftung und die lebhafteste Erinnerung meinerseits bleibt bis heute der Mann, der aus dem Publikum aufstand, uns bepöbelte, seiner Misogynie freien Lauf ließ und sich weigerte, das Mikrofon wieder zurückzugeben. Ja, das war ein verbindender Moment, gemeinsam verbal auf einen Masku einzuschlagen – schließlich steht man ja auf der gleichen Seite, Feminismus verbindet, wir zusammen gegen den Rest der Welt und so.

Aber der All together-Kuschelfeminismus scheint dann, am Vorabend des Barcamps ein sehr offensichtliches Ende gefunden zu haben, wird sie mal nicht als Ikone gehuldigt, sondern kritisiert. Durch ihre Verlegerin auf meine Session-Ankündigung aufmerksam geworden, verlangt Laurie Penny in einer Öffentlichkeit von 130.000 Followern auf Twitter eine Erklärung meinerseits, wieso ich sie als Antisemitin bezeichnet hätte.
Der Absurdität ihres Verhaltens muss man sich erstmal bewusst werden: Gerade eine feministische Aktivistin, die sich doch der Unkontrollierbarkeit eines Mediums wie Twitter bewusst sein sollte, wirft ihrem Publikum eine andere Feministin mit deutlich kleinerem Account (2.000 Follower) zum Fraß vor. Sie, die gewiss schon mehrfach online zerrissen wurde und weiß, was Online Harassment bedeutet. Aber kaum geht’s darum, den eigenen Hass auf Israel zu verteidigen, ist eben Feminismus dann doch irgendwie Nebensache. Und sie hätte es nicht deutlicher machen können – an einer Debatte über Antisemitismus hatte sie zu keiner Zeit Interesse. Hätte sie sich tatsächlich für die Vorwürfe interessiert, hätte sie mir eine Nachricht geschrieben und das Gespräch gesucht. Stattdessen setzt sie, um auf keinen Fall in ihrem Weltbild gestört zu werden, darauf, dass sich die Sache schon erledigen wird und lässt sich von ihrer Gefolgschaft dafür feiern, zu behaupten, ich würde sie mit Hitler vergleichen.

Um es nochmal mit deutlicheren Worten zu sagen: Laurie Penny tat das nicht aus Dummheit. Nicht, weil es das einfachste war und nicht, weil sie sich der Konsequenzen nicht bewusst war. Gerade sie müsste es besser wissen. Sie tat das, weil sie sich zu keinem Zeitpunkt mit dem Diskurs auseinandersetzen wollte. In gespielter Entrüstung fügte sie an, sie sei ja schließlich auch Jüdin und könne deswegen eh nicht antisemitisch sein.

            Getroffene Hunde bellen


Der Shitstorm flachte selbstverständlich nicht ab, wie so etwas funktioniert wird Laurie Penny als Aktivistin durchaus auch schon herausgefunden haben. Immerhin tritt sie doch auch mehrfach in den nächsten Tagen und Wochen in Deutschland zum Thema „Online Harassment“ auf. Aber anstatt in irgendeiner Form zurückzurudern, sah sie sich genötigt, noch am selben Abend einen offenen Brief an die böse, zionistische „deutsche Linke“ zu verfassen. Der Inhalt ihres langen, unschuldig anmutenden Pamphlets lässt sich eigentlich recht kurz zusammenfassen:

Sie, die britische Jüdin, würde von einer Deutschen – die in Pennys beschränktem Bewusstsein für das Judentum anscheinend nicht jüdisch sein kann, sonst würde sie nicht die Dichotomie zwischen deutsch und jüdisch aufmachen – als Antisemitin bezeichnet und mit Hitler verglichen werden; sie, die doch eigentlich nur für die Menschen im „Freiluftgefängnis“ (ihre Worte, na sowas!) Gaza einstehen würde. Es ginge doch gar nicht um die Juden, das würden doch nur die von ihrer Geschichte gebeutelten jungen Deutschen da hereininterpretieren. Eine Darstellung von Antisemitismus als Kulturphänomen par excellence, als wären Worte aus ihrem Mund weniger schwerwiegend als aus meinem Mund, als könnte sie als Jüdin doch niemals antisemitisch sein und nein, sie geht noch viel weiter: Weil die Geschichte ihrer Familie von Verfolgung geprägt gewesen sei, sei es nun ihre Aufgabe, für die unterdrückten Palästinenser*innen einzustehen. Und sowieso, BDS würde zwar ein paar Antisemit*innen anziehen, die das für ihre eigenen Zwecke nutzen würden, aber sie sei doch nur aus Liebe zu den palästinensischen Menschen für einen Boykott Israels.
Achso - selbstverständlich kein Wort über die Hamas. Aber dafür hat das Pamphlet wohl einfach keinen Raum gelassen, das hätte ja was mit realistischer Auseinandersetzung mit der Situation der Palästinenser*innen zu tun gehabt…

So versöhnlich und vermeintlich erschrocken Laurie Penny ihren Brief auch formulieren mag, er ist und bleibt lediglich eine vorgeschobene Entschuldigung, warum es ausgerechnet ihr doch erlaubt sein müsste, Israel zu kritisieren und Boykott abzufeiern. So vorhersehbar der Inhalt dieses Textes auch gewesen sein mag und so oft wir das auch noch von absolut austauschbaren Menschen hören werden, umso klarer wird, wie sehr sie sich in Erklärungsnot befindet – was umso deutlicher wird, versucht man auch nur einmal ihre Argumentationsstränge auf ein beliebiges anderes Thema zu übertragen.

            Die antifaschistischen Antizionistinnen


Es braucht keine Laurie Penny, die sich öffentlich auf Twitter dafür feiern lässt, Israel zu boykottieren, die „Witze“ über gehäutete Banker macht und von einem „Freiluftgefängnis“ spricht. Gerade der Zusammenhang zwischen Feminismus und Antisemitismus ist kein neuer und auch kein sonderlich überraschender, wie man spätestens beim Blick auf die Geschichte feststellen kann. Sprach man gerade aus einer feministisch-theologischen Perspektive oft davon, dass das Judentum der Inbegriff des Patriarchats sei und dass diese Benennung lediglich Patriarchatskritik sei, so baute nationalsozialistische Erziehung doch gerade in den 1920er Jahren auf christliche Dogmen auf. Und gerade Feministinnen vereinnahmten die Verfolgung jüdischer und sozialistischer Frauen für sich: Keinerlei Auseinandersetzung mit antisemitischer Ideologie in frauenbewegten Gruppierungen, der alte antisemitische Hut wird weitergegeben und man fing an, sich als Antifaschistin zu bezeichnen und benannte den neuen Feind nicht mehr als „das Jüdische“, sondern als Kapitalismus oder Imperialismus. Israel wurde zum neuen alten Sündenbock und plötzlich standen die neuen antifaschistischen Antizionistinnen mit ihren Friedensdemonstrationen vor jüdischen Einrichtungen, als sei es das Normalste der Welt.

Und nun steht da diese Aktivistin, die sich selbstbewusst als antikapitalistisch bezeichnet und das Wort Klassenkampf wieder trendy machen will, die sich zum Sprachrohr der Armen und Unterdrückten erkoren fühlt und alle Unterdrückten der Welt vereinigen möchte. Sie, die vom Patriarchat Unterdrückte, will sich mit allen anderen Unterdrückten der Welt solidarisieren – besonders wenn sie unter dem Joch des imperialistischen Zionismus zu leiden hätten.

Sogar in der Barcamp-Session selbst ließen es sich die Penny-Fangirls und Konsorten nicht nehmen, in beeindruckender Menschenrechtsrhetorik zu erklären, warum Kritik an Israel angebracht und die Shoa der Grund sei, warum Kritik erst recht legitim sei. Fast schon belustigend wurde jedes klassische Beispiel für derailing ausgespielt, als würde man den Trumpf aus dem Ärmel schütteln, würde man mich persönlich angreifen oder sich einzelne Fragmente meines Eingangsvortrages herauspicken, um sich selbst in Sicherheit zu wägen. Und es funktioniert: Es wird letztlich dann doch über Personen gesprochen, warum ich eine schlechte Referentin sei und warum Penny, die britische Jüdin, keine Antisemitin sein könnte. Nicht mehr Antisemitismus als Phänomen ist das Thema, nicht Antisemitismus als System, das sich mit der Zeit als Pauschalangebot in feministische Ideologien eingenistet hat. Als müsste ich mich erklären und meinen eigenen Background offenlegen, sobald ich über Antisemitismus spreche, stellte sowohl Penny online als auch durch ihre Verlegerin bei der Barcamp-Session in den Raum, sie sei ja schließlich auch Jüdin. Eine Darlegung der eigenen Identität zu fordern ist im politischen Diskurs in jeder anderen Identitätsfrage ein absolutes Tabu: niemals würde eine Person, die zu LGBT referiert sich vorher erklären müssen, doch kaum geht es um Israel, sind die erwartungsvollen Blicke auf diejenige gerichtet, die das böse Antisemitismus-Wort ausgesprochen hat. Verlässt man den samtweichen Boden des Kuschelfeminismus, wird mit ganz anderen Karten gespielt – dafür war dieser Disput mit Laurie Penny ein beeindruckendes Beispiel.

Die moralische Entrüstung funktioniert. Mit dem Bild des bewaffneten israelischen Soldaten, der dem wehrlosen palästinensischen Kind gegenübersteht, im Kopf, ist es einfach, sich selbst, als Frau im Patriarchat, mit dem Jungen mit der Steinschleuder zu identifizieren und es als absolut notwendig zu erachten, die „Kauft nicht bei Juden!“-light-Variante als Moment des eigenen politischen Verständnisses zu verteidigen.

            Politiken versus Kuschelkurs


Mit einem hatte eine der Teilnehmerinnen ganz recht: Wir kommen nicht nur als Feministinnen zusammen. Politische Sozialisierung funktioniert anders, ist vielschichtiger und wie sich gezeigt hat: Man ist not amused, wenn es doch auf politischen Diskurs ankommt, der darüber hinausgeht, Sexisten zu blocken und gemeinsam Maskus anzuschreien. Die Entrüstung ist groß, dabei gibt man sich doch so viel Mühe, immer wieder zu betonen, man sei gegen Antisemitismus, das stand ja schließlich auch im Demo-Aufruf! Und da es Laurie Penny und all den anderen Verfechterinnen legitimer „Israelkritik“ doch ganz sicher um das Leben der unterdrückten Palästinenser*innen geht, werden sie dann ja gewiss auf der nächsten Frauenkampftags-Demonstration auf das deplatzierte „Free Gaza!“-Geschrei ein absolut überzeugtes „From Hamas!“ erwidern – oder eben einen offenen Brief schreiben, auf Twitter die 130.000 Follower mit falschen Beschuldigungen bei Laune halten und Vorträge über Online Harassment halten.



An English version will follow tomorrow.