Mittwoch, 26. September 2012

Eine Frage der Logik und eine Antwort des Respekts.

Dem Ganzen vorweg: Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin. Alles, was ich jetzt schreibe, ist aus dem, was ich gelesen habe, aus einigen Studien und meinem persönlichen Empfinden entstanden.
Ich muss aber auch keine Sprachwissenschaftlerin sein, um mich mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen und da Probleme zu erkennen. Ich muss auch keine Sprachwissenschaftlerin sein, um zu behaupten, dass der generische Maskulinum immer auch generische Ungerechtigkeit bedeutet.
Solange das generische Maskulinum Teil der Sprache bzw. Automatismus der Sprechenden ist, werden zu jeder Zeit Menschen diskriminiert und übergangen - und das von noch so emanzipierten und reflektierten Menschen. Es heißt ja schon lange, dass man bei geschlechtsheterogenen Gruppen einfach die maskuline Form nehmen könne (“Liebe Schüler”) und die weiblichen Gruppenmitglieder seien dann automatisch mitgemeint. Für mich stellt das keine sprachliche Vereinfachung sondern vielmehr eine sprachliche Unsichtbarmachung dar. Die Unsichtbarmachung dessen, dass Frauen in jeder einzelnen Debatte mitgedacht werden müssen und wir nicht von einer männlichen Normalität ausgehen können.

Mittlerweile gibt es viele Formen, um diese Ungerechtigkeit zu umgehen.

  • beide Genera nennen (“Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter”)
  • das Binnen-I (“die BürgerInnen”)
  • der Unterstrich (“die Teilnehmer_innen”)
  • das Sternchen (“die Genoss*innen”)
  • die Schaffung inklusiver Formen (“die Studierenden”)

Dabei sind der Unterstrich, das Sternchen und inklusive Formen sehr viel weitreichender, denn sie gehen nicht davon aus, dass es nur Mann und Frau gibt, sondern lassen Platz für jegliche Grauzone, jeden Menschen, der sich nicht dem Schwarz/weiß-denkenden Zwang der Zweigeschlechter-Gesellschaft beugen will/kann. Trotzdem würde ich mich bei einigen Menschen schon freuen, wenn sie wenigstens das Binnen-I verwenden würden.

Und obwohl für mich geschlechtergerechte bzw. -neutrale Sprache etwas absolut selbstverständliches ist, wird man immer wieder mit den gleichen Argumenten konfrontiert.
Zum einen seien geschlechtsneutrale und geschlechtergerechte Formulierungen umständlich, anstrengend und behinderten das Leseverständnis.
Aber selbst das wäre für mich persönlich kein Grund, darauf zu verzichten, meine Sprache zu gendern. Wir tun in unserem Alltag viele umständliche Dinge: Wir begrüßen Menschen freundlich, die wir eigentlich gar nicht mögen, erkundigen uns nach ihrem Befinden, ohne, dass es uns interessiert. Wir täuschen Interesse vor, wir beschäftigen uns mit Dingen und Menschen, einfach, weil es für uns zum guten Benehmen gehört. Kurz: Wir respektieren unsere Mitmenschen und achten auf unser Benehmen. Das tun wir auch für Einzelpersonen. Genauso umständlich mag es sein, Sprache zu überdenken und zu ändern, jedoch betrifft das die Hälfte unserer Gesellschaft. Es ist logisch, Frauen mitzudenken, denn sie sind von jeder politischen Entscheidung genauso betroffen. Es ist ein Zeichen des Respekts, jede_n explizit anzusprechen.

Dazu möchte ich außerdem noch eine Studie aus dem Jahr 2007 (Braun et al.) heranziehen. Versuchspersonen wurden auf drei geschlechtsheterogene Gruppen aufgeteilt, die dann drei verschiedene Versionen einer Packungsbeilage für Medikamente lesen sollten. In einer wurde das "generische Maskulinum" verwendet, in der zweiten kamen neutrale Formen ("Personen") und Beidnennungen vor und in der letzten das Binnen-I. Die Versuchspersonnen wurden dann darauf geprüft, wie gut sie sich das Gelesene merken konnten (sprich: Behindert geschlechtsneutrale/-gerechte Sprache wirklich das Leseverständnis?). Bei diesem Erinnerungstest waren im direkten Vergleich der Geschlechter die Erinnerungsleistungen der Männer bei der Beidnennung besser als die der Frauen, die der Frauen war beim „generischen Maskulinum“ und beim Binnen-I besser als die der Männer. Die Effekte waren aber relativ schwach und innerhalb der Geschlechtergruppen auch nicht von Bedeutung. Anschließend sollten die Versuchspersonen das Gelesene selbst bewerten. Während Frauen alle drei Textfassungen als gleichermaßen verständlich und lesbar empfanden, bewerteten die männlichen Teilnehmer das "generische Maskulinum" am besten. Ausgerechnet diese hatten sie aber objektiv im Erinnerungstest am schlechtesten verstanden. 
Somit kann gesagt werden, dass geschlechtergerechte Sprache keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit bzw. auch Lesbarkeit von Texten hat.

Außerdem sei das “generische Maskulinum” nun einmal weit verbreitet und jede_r wisse, dass Frauen selbstverständlich mitgemeint seien.
Auch wenn wir davon ausgingen, dass es ein “generisches Maskulinum” gäbe, bei dem Frauen automatisch mitverstanden würden, wäre es doch mehr als irritierend, dass diese Form ununterscheidbar von einem tatsächlich nur auf Männer bezogenen Maskulinum wäre.
Die Studie Gygax et al (2008) zeigt, dass das “generische Maskulinum” mehrheitlich eben nicht als generische Form interpretiert wird. Versuchspersonen wird ein Satz mit angeblichem “generischen Maskulinum” gegeben: “Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.”. Daraufhin bekamen Teile der Versuchsgruppe einen Satz wie “Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke.”, die anderen bekamen den Satz “Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Männer keine Jacke.”. Sie sollten dann entscheiden, ob es sich um einen möglichen Anschlusssatz handle. Dies erfolgte durch das Drücken einer Taste, sodass auch die Zeit, die sie für ihre Entscheidung brauchten, gemessen werden konnte.
Würden Maskulina automatisch generisch interpretiert werden, müssten die beiden Sätze gleichermaßen als mögliche Fortsetzung des ersten Satzes erkannt werden. Wenn Maskulina erst mit einem gewissen Aufwand generisch erkannt würden, müsste der männliche Satz schneller als Fortsetzung erkannt werden als der weibliche. Würden Maskulina nicht generisch interpretiert werden, dürfte nur der letzte Satz als Fortsetzung erkannt werden.
Allerdings entsteht auch hier noch eine weitere Komplikation: Berufsbezeichnungen können unabhängig von ihrem grammatikalischen Geschlecht als “typisch männlich” oder “typisch weiblich” eingeordnet werden. Beispielsweise denken wir bei “Polizisten” oder “Physikern” eher an Männer, bei “Kosmetikern” oder “Kassierern” eher an Frauen (siehe Studie Gabriel et al. 2008), weshalb eine objektive Beurteilung in Bezug auf das “generische Maskulinum” nicht ohne Vorbehalt möglich ist. Deshalb wurden für die erwähnte Studie viele verschiedene Berufsbezeichnungen (eher männliche, eher weibliche und neutrale).
Das Ergebnis? Wenn im zweiten Satz von Männern die Rede war, wurde der Satz signifikant häufiger als „mögliche Fortsetzung“ kategorisiert, als wenn von Frauen die Rede war. Wenn Maskulina generisch interpretiert würden, wäre dieses Ergebnis nicht erklärbar. Außerdem waren die Reaktionszeiten der Entscheidung für die männliche Fortsetzung, signifikant schneller, kurz: Die generische Interpretation erfolgt nicht spontan und ohne nachzudenken, sondern erst nach einem strategischen Denkprozess.
Daher gehe ich davon aus, dass es einen “generischen Makulinum” als solchen nicht gibt.


Zum Abschluss noch ein kurzer Denkanstoß:
Neben diesen beiden Ansätzen möchte ich auch noch auf den Einfluss von Sprache zu sprechen kommen. In der Sprache finden wir jegliche geschichtsrelevante Veränderung der Gesellschaft wieder. Jede Epoche hat ein eigenes Vokabular geschaffen. Aus männlichen Hierarchien, die ja keine Epochen brauchten, da sie bis heute immer bestanden, folgte auch die männlich geprägte Sprache. Mit der Zeit sind Bezeichnungen entstanden, die wir übernommen haben und die durch den täglichen Gebrauch das Denken beeinflussen. Wieso fangen wir also nicht jetzt an, diese Begriffe zu neutralisieren, sodass die Sprache irgendwann frei von männlicher Dominanz ist?
Ich bin der festen Überzeugung, dass Sprache eine enorme Wirkung auf uns hat. Natürlich macht geschlechtergerechte Sprache keine Feminist_innen. Natürlich erreichen wir durch Sprache keine gleiche Bezahlung. Aber auf Dauer verändern wir das Denken. 

So schwer ist das doch nicht.



1 Kommentar:

  1. Wurde der Test auch mit "Die Sozialarbeiterinnen liefen durch den Bahnhof" gemacht?

    Ich bin ebenfalls der Meinung: Sprache hat eine enorme Wirkung auf das Denken.

    Beide Genera zu nennen halte ich für den besseren Weg, Beim Lesen mag das mit dem Binnen-I oder Unterstrich ja noch funktionieren, wie soll ich das aber beim Reden machen?

    Eine interessante Lektüre:
    "Monika Gerstendörfer: Der verlorene Kampf um die Wörter. Opferfeindliche Sprache bei sexueller Gewalt"
    http://www.socialnet.de/rezensionen/4753.php

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